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Was ist ein Hexenbanner, gab es sie wirklich und was war ihr Wirken?

- Eine wissenschaftliche Betrachtung



Auszüge aus einer Dissertation (wissenschaftliche Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde) zum Doktor der Philosophie der Universität Hamburg
von Stephan Bachter aus Dillingen a.d. Donau:

Anleitung zum Aberglauben Zauberbücher
und die Verbreitung magischen „Wissens” seit dem 18. Jahrhundert

Auszüge ab Seite 158 und folgende zum Thema …

… 2.2. Hexenbannerei und Gegenschadenszauber

Aber weil magisches Denken nicht bloß Kaspar Hauser, sondern vielleicht auch Ulrike Meinhof erklärt, wird jetzt wieder das Böse markiert und vielleicht sogar weggezaubert.  (Willi Winkler: Süddeutsche Zeitung 16./17. Nov. 2002)

Der württembergische Ort Wolfschlugen liegt am Rande der Filderebene zwischen schwäbischer Alb und Neckartal. Die am Ort ansässige, im Mai 1998 gegründete Narrenzunft „Hexabanner Wolfschlugen”, eine „anerkannte Brauchtumsgruppe im Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine”, griff mit ihrer Benennung nicht nur einen bis heute gängigen Necknamen für die Wolfschlugener auf, sondern erinnerte durch den von ihr geschaffenen „Brauchtumstanz” auch an die jahrzehntelange Tätigkeit der Hexenbanner aus Wolfschlugen. In einer Selbstdarstellung umschreibt die Gruppierung ihre Intentionen:
„Mit unserem Brauchtumstanz verbinden wir die alte Tradition und das Wirken der Wolfschlüger Hexenbanner, Geisterjäger und Dämonenvertreiber mit der Fasnet.”516  In einer szenischen Aufführung wird dargestellt, wie die Wolfschlugener als weithin bekannte Spezialisten für Gegenschadenszauber
eine Hexe unschädlich machen, einen Geist bannen und einen Dämon nach einer Beschwörung vertreiben. Mit dem neugeschaffenen Spiel rücken die Wolfschlugener die spezifische Kompetenz einer Gruppe von magischen Dienstleistern in den Mittelpunkt, die bis weit in das 20. Jahrhundert zur Realität dörflichen und städtischen Lebens gehörte, vor allem dann, wenn gegen die Ursachen von Krankheit, Not und Unglück kein rationales Vorgehen gewählt wurde, sondern zur Erklärung der Einfluß „böser Leute” bemüht wurde.
Den Anlaß für die Heranziehung eines Spezialisten oder einer Spezialistin in Heil- und Abwehrritualen boten Erkrankungen von Menschen, aber auch von Tieren. Die Hexenbanner sowie die ‘weisen Frauen’, deren Kenntnisse und Fähigkeiten über das volksmedizinische Wissen hinausgingen, kamen in der Regel nicht aus dem dörflichen Umfeld: sie waren vielmehr durch ihre Aktivitäten über ihren Wohnort hinaus bekannt geworden.517
Zu berücksichtigen ist, daß der Hexenbanner nur tätig wurde, wenn eine übernatürliche Ursache für Krankheit oder Unglück angenommen wurde. Das Hinzuziehen eines Hexenbanners setzte einen intakten Glauben an die Macht von Hexen voraus. Ohne Hexen keine Hexenbanner: Beide standen in diesem Sinne in einem dialektischen Verhältnis. Daß der Hexenglaube bis ins 20. Jahrhundert lebendig geblieben ist, belegen etwa die Antworten auf die Fragen des Atlas der deutschen Volkskunde. Die empirische Kulturwissenschaftlerin Inge Schöck sieht die Aufgabe des Hexenbanners in der Formulierung von Gegenmaßnahmen, der Praktizierung von Magie und der Propagierung des Hexenglaubens. Sie nennt ihn daher einen „Funktionär der Magie”. Heinrich J. Dingeldein verweist darauf, daß die Zuschreibungen „Hexe” oder „Hexenbanner” den Trägern eine Machtposition verschaffte, die sie durch ihre soziale Herkunft nie hätten erreichen können. „‘Hexen’ und ‘Braucher’ waren Außenseiter und Mächtige zugleich, ohne durch Herkunft und Stand zu den Machthabern zu gehören.” …

... Die Abschrift des Hausbuchs aus Wolfschlugen läßt sich in zwei große Teile untergliedern. Der erste umfaßt die Seiten 1-82 und enthält ein Sammelsurium an sympathiemedizinischen Rezepten, Anweisungen zum Gegenschadenszauber, aber auch Darstellungen zur Astrologie und anderen magischen Künsten. Hier findet sich eine für Hausbücher des 19. Jahrhunderts typische Zusammenstellung im Stil der „magischen Hausväterliteratur”. Auf ähnliche zeitgleich verwendete Schriften wie das Pfuhler Hausbuch533 oder das Höchstädter Hausbuch von 1878534 sei hier nur kurz hingewiesen. Der zweite Teil des Schrothschen Zauberbuchs bietet einen angeblichen Auszug des Magischen Gesetz Mosi oder Magische Cabula des 6ten und 7ten Buch Mosis. Dieser Teil umfaßt die Seiten 83-119 und damit nur rund ein Viertel der Gesamtschrift.  Kernstück dieses zweiten Teils des Wolfschlugener Hausbuchs sind 22 Beschwörungsformeln. Es handelt sich um angeblich wunderwirkende Texte, die bei den Wundern des Moses und anderer biblischer Gestalten Verwendung gefunden hätten. Eine Überschrift in deutscher Sprache steht über dem auf hebräisch geschriebenen Text. Der Abschnitt mit den 22 Beschwörungsformeln weist eine bemerkenswerte inhaltliche Verwandtschaft mit der Buch Mosis-Handschrift aus der Darmstädter Sammlung des Rats Wunderlich auf, nämlich mit der Handschrift Nr. 1730. Auch diese behauptet, ein Auszug aus der Magischen Cabala des VI u. VII. Buch Moses zu sein.535 Alle 22 Beschwörungsformeln des Hausbuchs aus Wolfschlugen finden sich auch in der Darmstädter Handschrift. Allerdings sind sie dort in einer anderen Reihenfolge
angeordnet. Möglicherweise hat den oder die Schreiber des Wolfschlugener Grimoires verwirrt, dass diese Buch-Mosis-Variante häufig so angelegt ist, daß sie von hinten nach vorne zu lesen ist. Ansonsten aber sind die Übereinstimmungen so weitgehend, daß man beide Zauberbücher als sehr eng verwandt bezeichnen muß.
Allerdings sind in dem Buch der Familie Schroth den Beschwörungsformeln Erklärungen und Hinweise sowie Verhaltensregeln für den Benutzer vorangestellt. Diese Hinweise und Regeln sind auf den Einsatz in der Praxis hin ausgerichtet. Außerdem ermöglichen sie es, daß das Hausbuch aus Wolfschlugen von mehreren Personen, unter Umständen auch in mehreren Generationen eingesetzt werden kann. Noch etwas macht einen signifikanten Unterschied zu der Darmstädter Handschrift aus: Im Hausbuch aus Wolfschlugen sind zwar auch unter den deutschsprachigen Überschriften hebräische Texte zu finden, diese sind dann aber zusätzlich in lateinische Buchstaben transkribiert, so daß sie von jemand, der zwar des Lesens, nicht aber des Hebräischen mächtig ist, rezitiert werden könnten.
Am Beispiel der Schroths und ihres Hausbuches läßt sich belegen, daß Hexenbanner ihre Kenntnisse aus Zauberbüchern bezogen haben. Neben einer möglichen mündlichen Familienüberlieferung ist die Benutzung schriftlich fixierten Wissens Basis für das Ausüben ihrer Tätigkeit als magische Dienstleister.
Für etliche von Schroths Berufskollegen ist der Umgang mit Zauberbüchern belegt. Über einen “Hexenmeister”, der nicht nur gegen Verhexungen im Stall, sondern auch gegen Flechten, Nervenleiden und Kropf aktiv wurde, und der sich 1936 vor dem Schöffengericht Memmingen zu verantworten hatte, heißt es: “Bei der Beweisaufnahme gab der Angeklagte an, daß er seine Kenntnisse aus dem 7. Buch Moses schöpfe”. 536 Auf die gleiche Quelle stützte sich ein Hexenbanner, den Mitte der 1920er Jahre Bauern aus Gersthofen mit erkranktem Viehbestand konsultiert hatten.537 Auch von einem „Magier aus dem Spreewald”, der Maßnahmen gegen angehexte Viehkrankheiten sowie „Geistervertreibungen”
durchführte, wurde bekannt, daß er das 6. und 7. Buch Mosis besitze.538 …

… Die Wolfschlugener Hexenbannerfamilie Schroth hatte in ihrem Hausbuch ein „Rezept für Menschen und Vieh bei bösen Sachen” überliefert, das die Zutaten „Erlene Rinden, Wehrmut, Haßelnußzapfen, Rauthen, Schmalen Salbey, Knoblauch [und] Kümmich” erfordert. „Dieße Stücke alle zusam[m]en genom[m]en und damit geräuchert, damit kan [n] man alles Böse vertreiben.”554 Für den nämlichen Zweck konnte man Anweisungen selbstverständlich auch in der gedruckten Literatur finden, z.B. in diversen Ausgaben des 6. und 7. Buch Mosis. In der Edition des Buchversands Gutenberg heißt es:
„Man wehrt die Hexen durch die mannigfachsten Mittel ab, ... durch Räuchern mit Teufelsdreck (Asa foetida), mit Fronleichnamsreisig und neunerlei Kräutern, darunter besonders Sill[sic!], Dosten555 und Dorant556.”557 Asa foetida konnte aber auch innerlich verabreicht werden. In einem offensichtlich auf Akzeptanz bei einer christlichen Leserschaft bedachten Zauberbüchlein mit dem Titel Neunzig
Geheimnisse, die ein frommer Einsiedler von seinem Schutzengel bekommen hat, mit Bewilligung einer hohen Geistlichkeit auf’s Neue zum Druck befördert für landwirthschaftliche und häusliche Verhältnisse findet sich eine Zubereitungsanweisung für „Ein Pulver für das Vieh, wenn es bezaubert ist.”
Teufelsdreck, Drachenblut, Meisterwurzel, Baldrianwurzel, Teufelsabbiß,558 schwarzer Kümmel und Salz sollen demnach zu einem Pulver zerstoßen werden, wovon das Vieh montags und donnerstags ½ Loth erhalten soll.559 …

… Die sozial und individuell folgenreichste Tätigkeit der Hexenbanner bestand in der Ermittlung einer Person, der die Schuld an angeblich magisch verursachtem Unglück gegeben wurde. Es gehörte zu den Aufgaben des Hexenbanners, diese Person ausfindig zu machen und einem Gegenschadenszauber zu unterwerfen. Auch für diese Tätigkeit stellten die Zauberbücher einen großen Fundus an Handlungsanweisungen bereit. Bei einigen tritt durch Zufall ein Erfolg ein, denn sie basieren darauf, dass diejenige Person, die als nächstes in ein Haus oder auf einen Hof kommt, etwa um etwas zu leihen, die Hexe sei.
Ein gewißes Mittel, so einem Vieh Milch oder Schmalz genom[m]en ist. So nehme man eine Kupfer Pfan[n]e oder Kupferhafen, nim[m] darein von dem Vieh Horn u. stelle es zum Feuer, darauf thue ein Deckelein, vermache ihn wohl mit Leimen u. laß ganz sieden, wie du den Horn siedest, so bringest du die Hexe, die wird kom[m]en u. Etwas vertlehnen wollen, aber man muß ihr nichts geben, so kom[m]t gewiß Schmalz u. Milch wieder. Wen[n] man das thut, so muß man das Haus vermachen, daß sie nicht hinein kom[m]t. Dieß Mittel ist leicht zu machen u. nicht zu bezahlen. Probatum.576
Andere Gegenschadenszauber funktionieren so, daß ein mit der Hexe in sympathetischer Verbindung gedachtes Objekt malträtiert, gebrannt, gekocht und geschlagen wird. Diejenige Person, die kurz darauf offensichtliche Verletzungen aufweist, etwa durch Unfälle bedingt, gilt als durch den Zauber geschädigt und somit als Hexe. Die Synchronizität zweier voneinander unabhängiger Ereignisse, des Zauberrituals und beispielsweise des Unfalls, führen zur angeblichen Entlarvung einer Hexe und bestätigen so bereits bestehende Verdachtsmomente. …

… In heutiger Zeit liefert der Glaube an von Hexen verursachtes Unglück in Wolfschlugen, aber auch anderswo, nur noch den Plot für Brauchtumsspektakel und Faschingsgaudi.584 Auch wenn bis heute im südlichen Afrika noch jährlich hunderte Menschen nach Hexereiverdächtigungen zu Tode kommen,585 hat der Vorstellungskomplex „Hexe” in Europa seit dem 19. Jahrhundert in unterschiedlichen Kontexten eine positive Umdeutung erfahren.586 Dieses neue Bild der Hexe setzte sich seit Mitte der 1970er Jahre nicht zuletzt durch die Frauenbewegung durch und verdrängte das bis dahin vorherrschende, das die
Hexe als eine schadenszaubernde, mit magischen Mitteln zu bekämpfende Alte sah. Hexen gelten seither als Hüterinnen von Geheimnissen, die von einer zivilisations- und vernunftsmüden, pekuniär gesättigten Klientel nachgefragt werden.587 Heutige Hexen sind zu “Schamaninnen” mutiert, ihre Zuständigkeit ist das körperliche Heil, sie ergänzen das Angebot medizinmagischer Dienstleister.

Quellen:
516 http://www.hexabanner.de/about/brauchtumstanz.htm .
517 Scheffler, Jürgen: Hexenglaube in der ländlichen Gesellschaft. Lippe im 19. und 20. Jahrhundert. In: Wilbertz, Gisela u.a.
528 Um den Plan einer umfassenden ethnographischen Stoffsammlung zu verwirklichen, bat der Württembergische- Hohenzollersche Verein für Volkskunde auch die Schulbehörden um Mithilfe. Die vorgesetzten Behörden erlaubten jenen Lehrern, die freiwillig bereit waren, für ihren alljährlich pflichtmäßig abzuliefernden Aufsatz („Konferenzaufsatz”) das Thema „Sammlung volkstümlicher Ueberlieferungen” zu wählen. Der Bearbeitung lag ein Fragebogen zugrunde. Die mehr als 600
eingegangenen Aufsätze wurden u.a. von Karl Bohnenberger und Heinrich Höhn bearbeitet. Daraus entstanden acht Darstellungen, die in den Württembergischen Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde 1904-1916 veröffentlicht wurden. Der für Wolfschlugen einschlägige Konferenzaufsatz über das Oberamt Nürtingen gilt.
529 Photomechanischer Nachdruck: Höhn, Heinrich: Mitteilungen über volkstümliche Überlieferungen in Württemberg. Nr. 8. Volksheilkunde I. In: Landesstelle für Volkskunde Stuttgart (Hrsg.): Volkstümliche Überlieferungen in Württemberg. Glaube - Brauch - Heilkunde. Stuttgart 1980 (= Forschungen und Berichte zur Volkskunde in Baden-Württemberg, Band 5). S. 221-319.
533 Kopp: Pfuhler Hausbuch.
534 Heute im Privatbesitz, der Besitzer möchte nicht genannt werden, machte mir aber dankenswerterweise im Juni 1999 das
Buch durch eine Kopie zugänglich.
554 Hausbuch aus Wolfschlugen. S. 67.